Feldern Zusammentun und Auseinandersetzen

‚Feldern‘ bezeichnet landläufig das scharenweise Absuchen des Erdbodens nach brauchbarer Nahrung. So tun sich Saatkrähen, Wildgänse, Enten und Kraniche mit ihren Artgenoss*innen zusammen, um die Nahrungsreste von abgeernteten Feldern gemeinsam zu verwerten. Im Kontext der Ausstellung steht ‚feldern‘ für Austausch, Erweiterung der eigenen Denk- und Handlungsmuster und experimentelles Zusammenwirken.

© Lutz Bertram   Feldern. Ausstellungsansicht, ZAK-Zentrum für Aktuelle Kunst Zitadelle Spandau, 2021, v.l.n.r. Julia Dorothea von Schottky, Nicole Schuck, Katrin von Lehmann, Sabine Popp

Die beteiligten Künstler*innen bewegen sich zwischen unterschiedlichen Disziplinen und stehen mit Fachexpert*innen wie Biolog*innen, Physiker*innen, Meteorologen oder Wissenschaftshistoriker*innen in Austausch. Ihre künstlerischen Untersuchungen verzweigen sich in verschiedenste Gebiete, die wiederum auf die künstlerischen Fragestellungen und Handlungen Einfluss nehmen.

© Lutz Bertram   v.l.n.r. Katrin von Lehmann, Julia Dorothea von Schottky

So bezieht sich Katrin von Lehmann im Medium der Zeichnung auf naturwissenschaftliche Methoden und festgelegte Regelwerke, um in künstlerischen Experimentalanordnungen die Entstehung von Neuem und die unvermittelte Abweichung vom Regelwerk zu befragen. Sabine Popp dienen Beobachtungen von systematischen Handlungen der Algenforschung und Visionen ihrer wirtschaftlichen Nutzung als Aufhänger, um in raum-zeitlichen Anordnungen dokumentarischer Materialfragmente Reflexionen über weitere gesellschaftliche Zusammenhänge in Gang zu setzen. Julia Dorothea von Schottky nimmt die Frage nach dem Klangpotenzial der Birkenrinde wie auch ihre Recherchen zu Ahnenforschung und akustischem Krieg zum Ausgangspunkt einer raumgreifenden Installation.

© Lutz Bertram   Sabine Popp, Agential Matter, Installation, Performance, Video, Ausstellungsansicht 2021

Nicole Schuck recherchiert im Austausch mit Meeresbiologen zu Ökosystemleistungen Europäischer Austern und Hummer und befragt in ihren zeichnerischen Installationen diese Bewertungssysteme wie auch die damit einhergehenden Veränderungen des gesellschaftlichen Umgangs mit Natur. Markus Schwander untersucht in Auseinandersetzung mit Geologen die Mechanismen von Bergstürzen und macht die räumliche Bewegung von Gletscherlawinen und Steinschlägen in fotografischen Werkgruppen als bildnerisches Phänomen vorstellbar.

 

In der Ausstellung stehen individuelle Arbeiten und eine gemeinsame, raumgreifende Installation gleichwertig nebeneinander. Der Gemeinschaftsarbeit geht eine längere, intensive Verständigung über den Stellenwert von Recherche und künstlerischen Verfahren und die vielfältigen Motive des Zusammenhandelns voraus. Die dabei entstandene Materialsammlung ist Ausgangspunkt für die Gemeinschaftsinstallation, die die vielfältigen, durchaus kontroversen Reflexionen und Experimente zum Wechselspiel zwischen Systematik und Zufälligkeit, Selbst- und Fremdbeobachtung, Wissensaneignung und künstlerischen Formfindungsprozessen mit räumlichen Materialassemblagen und Videoarbeiten zusammenführt.

Ausstellung © Lutz BertrAM   Gemeinschaftsarbeit der Ausstellung 'feldern', 2021, ZAK-Zentrum für Aktuelle Kunst Zitadelle Spandau

Die Künstler*innen haben in drei Aktionen nach festgelegten Regeln gezielt im Raum geworfen, um die Sphären des Raums körperlich abzutasten und zu den vorgenommenen Einbauten und Verschiebungen neue Akzente zu setzen. Jede Aktion entwickelte sich aus einer Analyse der vorangegangenen, die das jeweils neue Regelwerk bestimmte.

Ausstellung © Julia Dorothea von Schottky   Gemeinschaftaktion für die Ausstellung 'feldern', 2021, ZAK-Zentrum für Aktuelle Kunst Zitadelle Spandau

Dabei greifen die ersten räumlichen Aktionen die Spezifika des Ausstellungsortes auf. Die verwendete frische Tonmasse stammt aus der Ziegelei Glinkow im Südwesten Berlins, in der auch die Ziegelsteine der Alten Kaserne gebrannt wurden.

Während der Ausstellungslaufzeit haben sich sich die Künstler*innen ein weiteres Mal zusammengetan, um nach neu festgelegten Regelwerken und mit vorab bestimmten Materialien weitere Interventionen und räumliche Veränderungen durchzuführen.

Das Hybrid zwischen Dokumentation und Kunstwerk mit seinen räumlichen Verschiebungen und Wiederholungen bildete ein visuelles Statement für gemeinschaftliches Wirken, dem die Besucher*innen  unmittelbar beiwohnen konnten.

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